Session Victim – On The Roll

Was ein “Fashion Victim”, meinetwegen auch Modeopfer, ist, wissen wir alle. Es ist jemand, Mann oder Frau, der peinlich genau bemüht ist, seinen Kleidungs- und Accessoire-Stil nach der aktuellen Mode, nach jedem Trend und Subtrend, auszurichten und – ganz wichtig! – einen Fashion Blog betreibt. Letzteres sagt meines Erachtens jedoch nichts über seine Authentizität und Integrität aus, höchstens darüber, wie oft er die Geschäfte seiner Stadt zu Einkaufszwecken aufsucht, also H&M, Zara, Vero Moda, Esprit & Co. Im besten Fall ist noch ein Second Hand-Shop mit dabei.

Was ist nun ein “Session Victim”? Die Ableitung liegt nahe, dass es sich dabei um jemanden handeln könnte, der bemüht ist, seinen Musikstil akribisch nach jedem Trend und Subtrend auszurichten. Bei solchen Analogieschlüssen ist jedoch Vorsicht angebracht. Allergrösste Vorsicht. Denn hinter “Session Victim” verbergen sich zwei DJs und Produzenten, die es gar nicht nötig haben, aktuellen Trendzügen aufzuspringen. Sie schaffen sie nämlich selbst. Mit gerade einmal sechs Veröffentlichungen auf Real Soon, Delusions Of Grandeur und ihrer eigenen Homebase Retreat haben sie ihre schöpferischen Kräfte, ihr Entwicklungspotenzial, dahingehend verwendet, ihre eigene Trendnische zu erschaffen, ausgehend von einer Quelle heissen Funks, krispen House-Beats und einer Prise Jazz und Hip-Hop.

Aus dieser Quelle schöpfte Mathias Reiling, ein Teil von Session Victim, auch für sein Debütalbum “Das Gespenst Von Altona, welches unlängst auf dem Imprint Giegling erschienen ist. Deutlich trägt es die Spuren seiner musikalischen Vergangenheit, Hip Hop, Boom Bap Rap, Funk, wurde mit live Bass und Gitarre instrumentiert, bietet also kein alltägliches House-Szenario.

Der Funk quillt förmlich auch aus den drei Tracks, welche Mathias Reiling und sein Session Victim-Partner Hauke Freer für die sechste 12″ des Vinyl Only-Labels Retreat vorgesehen haben. “Move Me So” baut auf der klassischen Rezeptur einer Funk-Nummer auf. Komplexes Drumming, rollende Bassline, Gitarrenlick, Rhodes Piano-Akkorde. Es ist jedoch die konkrete Art und Weise, wie Session Victim mit diesen altbewährten Zutaten umgehen, dass der Track nicht altbacken, sondern in die Jetztzeit passend wirkt. Schliesst man die Augen, fühlt man sich innert kürzester Zeit in einen backsteinernen, niedrigen Kellerclub versetzt. Die Luft ist schneidend dick, es ist heiss, Kondenswasser bildet sich an der Decke und den Wänden, und eine überragend gut aufeinander eingespielte Combo spielt mit entfesselter Leidenschaft. Etwas ruhiger lassen es die beiden auf “A Wooden Mind” angehen. Dieser Track beinhaltet ein Moment der Beschaulichkeit, wenn man sich für einen kurzen Augenblick loslöst von den Offbeats, den Bassloops, und sich ganz der zarten Melodie hingibt, welche scheinbar aus der Ferne an das Ohr herandringt. Vom strengen Korsett des Four-To-The-Floor lösen sich Hauke Freer und Mathias Reiling auf “Secrets”. Mit der Genre-Einordnung dieses aus bestechend programmierten Drums, Orgel- und Gitarreninstrumental sowie Vocals bestehenden Tracks tue ich mir schwer – und diese Offenheit im Umgang mit dem House-Genre und verschiedensten Motiven, ob sie nun im Funk, Hip Hop oder Jazz gründen, macht den Reiz dieser EP aus.

Session Victim – On The Roll – RTR06 by retreat

English (short) version: Session Victim stands for beautifully crafted, soothing and groovy house music. On their most recent release on Retreat, they deliver three drunk-on-the-funk cuts that are pure dancefloor magic. Great!

Mehr im Web:

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RTR Reels 04 – Matthias Reiling “Kickstart My Love” Mix by retreat